Was aus Marketing-Sicht vielleicht ein "Genialstreich" ist, erweist sich in der Praxis als so unbrauchbar, dass kein [L]an[d]streicher auf die Idee kaeme, eine solche Empfehlung auszusprechen:
Eine "neue Art Domainname" wird von einem sog. Dom@in-Kontor [phonetisch "dom-at-in-kontor"] angeboten. Das @-Zeichen scheint ueberall dort zu beeindrucken, wo der Einsilber "at" nicht im Sprachgebrauch vorkommt, so u.a. bei Endemann-Inter@ctive [phonetisch "inter-at-ctive"].
Wer mit den die legalen Zeichen in Domainnamen regelnden RFCs nicht vertraut ist, mag zunaechst beeindruckt sein. Kann man mit dem offensichtlichen Insider-Kuerzel '@' doch kundtun, jetzt an der Vorfront des Informationslueckenzeitalters zu operieren - wenn auch ohne Betaeubung.
Diese wird spaetestens dann noetig, wenn man dank voelliger Isolierung die @raktivitaet der Entscheidung anzweifeln muss. Denn auch wenn die mit einem '@' verzierte Domain auf den ersten Blick erreichbar ist, landen Sie, und keiner Ihrer Besucher, dort, wo Sie sich zu befinden glauben.
Eines der Beispiele der sog. @-Domains lautet z.B.
http://www.p@ddel.de/
Wer diese Adresse im Browser aufruft, stellt entgeistert fest, dass ein solcher Name tatsaechlich zu existieren scheint. Wer eine URL aus der duennen Luft zaubert, z.B.
http://das.kann.mir.doch.keiner.weismachen.p@ddel.de/
landet auf der gleichen Seite. Dto. fuer die Adresse
http://meine.grossmutter.hat.vier.doppelkinne.@ddel.de/
wobei das 'p' vor dem '@' weggelassen wurde. Das gleiche gilt fuer jede selbst gestrickte Zeichenkette, die kuerzer ist, als der dafuer vom Browser vorgesehene Speicherplatz und die nicht mehr als eine der '@'-Wunderwaffen enthaelt.
Weil Browser im <HEAD> nicht ganz richtig sind, funktioniert dieser Aufruf - anscheinend. Denn die fuer die Resolvierung des Domainnamens zustaendigen Routinen suchen die Netzadresse fuer die Domain ddel.de ohne jede Voranstellung.
Der fuer Cache und sonstige URL-Bearbeitung zustaendige Code der ueblichen Browser beruecksichtigt aber alle Zeichen vor dem '@', so dass es jedesmal zu einer neuen DNS-Recherche kommt, wenn Sie die Zeichenkette vor dem '@' veraendern.
Das Ganze basiert auf einer vielleicht etwas zu grosszuegigen Auslegung ueblicher Protokolle, die die Angabe von Login und Passwort in einer URL ermoeglichen.
Nicht geeignet ist der Einsatz im Alltag. Nur die wenigsten Net-Anwendungen kennen Protokolle, bei denen es moeglich ist, URLs um Anhaengsel zu erweitern.
Da Sie auf dem Web aber gelegentlich Leuten begegnen, die nicht mit jeder RFC-Spezifikation vertraut sind, ist es denkbar, dass Kunden oder potentielle Kunden aus Unkenntnis technischer Zusammenhaenge von der Richtigkeit einer Adresse wie z.B. www.kapital@nlage.de ueberzeugt sind.
Probleme treten dann auf, wenn email an name@kapital@nlage.de als unzustellbar zurueckkommt, wenn Mitbewerber Ihre Site unter der Hand als geld.klaer@nlage.de bezeichnen, und auch traceroute und andere Tools die Existenz einer solchen Domain verleugnen.
Das Risiko darf allerdings nicht ueberschaetzt werden. Da die Spider der Suchmaschinen solche Domains als schlechten Witz zurueckweisen, duerfte der Bekanntheitsgrad der Site minimal bleiben.
Thema der Woche war "Delegation". Offensichtlich wird jede Idee irgendwie herumgereicht. Zwei Fachzeitschriften und mehrere Interessenten fuer Web Site-Optimierung hatte ich zum Thema an der Strippe. Jedesmal habe ich die gleiche Meinung vertreten:
Die Suchmaschinen-Optimierung Ihrer Site koennen Sie nicht delegieren, auch wenn Sie Buchhaltung, Fertigung, Gartenpflege und Bueroreinigung nicht in eigener Regie betreiben: die Web Site, deren Erstellung und Optimierung zaehlen nicht dazu.
Dafuer gibt es so viele Gruende, dass allein das Informieren darueber Zeit kostet, viel Zeit. Wer im Informationszeitalter andererseits nicht bereit ist, sich zu informieren, darf nicht bemaengeln, wenn er sich beim Tappen im Dunkeln schon mal blaue Flecken zulegt. Ahnungslosigkeit ist keine Entschuldigung.
Wie mir der Redakteur einer deutschen Fachzeitschrift diese Woche sagte, weiss die Mehrzahl der Web-Verantwortlichen in Grossfirmen nicht, dass deren Web Sites in den Suchmaschinen bestenfalls unter "Ferner Liefen..." zu finden sind. Wenn ueberhaupt.
Der Versuch der Delegation, d.h. die Weigerung, sich mit einem neuen Kommunikationsmedium auseinanderzusetzen, sowie das Vertrauen darauf, dass "der Job" ausser Haus in besten Haenden ist, fuehrt zu so Kruecken wie die '@'-Domain und aehnlichen, bei denen Delegationswilligen aus traditioneller Sicht durchaus Plausibles verkauft wird.
Das ist gut so. Starre Machtverhaeltnisse verhindern Innovation. Der groesste Teil heutiger Innovation kommt von mittleren und manchmal gar Kleinunternehmen. Der Wirtschaftsalltag wird wieder interessant, und das hueben wie drueben. Der Online-Buchmarkt gehoert heute Amazon. Der einzige ernstzunehmende Mitbewerber [Borders, kein Bauchladen sondern der zweitgroesste Buchhaendler der USA] machte online mehr delegierten Verlust als offline Gewinn. Selbst der Vorstandsvorsitzende wurde "verloren".
Wenn Entscheidungstraeger nicht wissen, wie ihre Site vom Kunden genutzt, bewertet oder gefunden wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Entscheidungstraeger mehr Zeit haben, als ihnen lieb ist.
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