Der erste Platz in den Suchmaschinen ist eine feine Sache. So fein, so begehrt, dass nahezu jeder Web-Verantwortliche keine wichtigere Aufgabe sieht, als die Manipulation der eigenen Seiten zwecks Erreichung einer besseren Position.
Aber selbst, wenn fuer einen bestimmten Suchbegriff die Top 10 geschafft werden, heisst das nicht, dass Besucher deshalb auf die unter diesem Begriff gefundene Site stroemen.
Wieso? Anwender denken anders. Schon 1997, als ich mir erstmals die Log-Files der damaligen Intersearch-Suchmaschine angesehen habe, war klar, dass Anwender gewisse Verhaltens- bzw Suchmuster an den Tag legen. Bestaetigt wird diese Erfahrung durch meine Datenbank der Suchbegriffe, die im 60-Sek. Takt von acht deutschen und internationalen Suchmaschinen Suchanfragen von deren sog. Voyeurs- oder Live-Suche-Seiten abruft. Und eine [maschinelle] Auswertung von gut 7 Mio Suchanfragen einer englischsprachigen Suchmaschine auf AOL-Niveau erbringt den 3. Beleg fuer meine These:
Die Optimierung von Seiten fuer Produkt- und Firmennamen und sich daran anlehnende Schreibweisen ist reine Zeitverschwendung. Optimierung lohnt sich nur fuer eine eine bestimmte Zahl von Phrasen und Wortkombinationen, die immer wieder gesucht werden.
So wie die seit Feb. 1999 laufende Datenbank der Suchbegriffe kaum noch waechst, weil fast jede Wortkombination und jede Phrase, die Web-Anwendern einfaellt, bereits gefragt wurde, zeigt auch die Analyse der 7 Mio Anfragen, dass Anwender immer die gleichen Formulierungen einsetzen. Wenn ich sog. Stopworte [d.h. die haeufigsten Bindeworte wie the, a, and, or, not ...] aus der Liste entferne, bleibt recht wenig Substanz und eine ueberraschend geringe Zahl unterschiedlicher Suchanfragen uebrig.
Suchmaschinen-Optimierung _kann_ daher _nur_dann_ erfolgreich sein, wenn Sie diese Formulierungen in Ihre Seiten aufnehmen. Es hilft - abgesehen vom eigenen Ego - niemandem, wenn Sie Seiten fuer Begriffe optimieren, die nie gesucht werden.
Vor einem Jahr hatte ich schonmal darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig eine Position unter den ersten 10 ist. Nur 22% aller Suchenden rufen z.B. die dritte Ergebnis-Seite nach einer Suchanfrage auf. Und Links, die in den Ergebnissen auf Platz 100 oder noch spaeter erscheinen, werden von weniger als 5 Prozent aller Suchenden gesehen:
Suchmaschinenposition und Besucherzahlen
Die Konzentrierung auf von Anwendern tatsaechlich gesuchte Begriffe und Wortkombinationen ist deshalb lebenswichtig. Welche Formulierungen von Suchenden immer wieder gefragt werden, zeigt meine jetzt gut 6 Mio Eintraege enthaltende Datenbank:
Datenbank der Suchmaschinen-Keywords
Kaum kehrt man dem Web den Ruecken, stellen Suchmaschinen neue "Features" vor. Den groessten Wirbel verspricht sich wohl AltaVista mit dem sog. "Raging Search", eine Suchart, die einen sprichwoertlich rasend machen kann.
Nicht nur dass diese Form der Suche mit den Attributen "premier search site", "best on the Web" und "most advanced technology" versehen wurde, auch Hintergrundfarbe und Layout der Seiten unterscheidet sich dramatisch von der AltaVista-Textsuche - die eine in schlichtem grau, die neuere auf vornehm weissem Grund mit - ein technischer Leckerbissen - horizontalen Linien. Dass die Suchergebnisse sich davon abgesehen nicht von denen der anderen AltaVista-Suchmaschinen unterscheiden, ist wohl eher nebensaechlich und darf auf Ihr Urteil keinen Einfluss nehmen.
Mit ihren Reizen zu geizen weiss die neue deutsche Suchmaschine
http://www.pasui.de/
Man gibt vor, in 18 Mio deutschen und mehr als 5 Mio internationalen Seiten zu suchen. Wer dort nach "Suchmaschinen" sucht, findet insges. 70 Ergebnisse. Sex bringt 73 Links, und das Thema "Fahrradklammern" immerhin 48. Zum Vergleich: Fireball liefert fuer die meisten Suchanfragen wesentlich mehr, kennt aber in Sachen "Fahrradklammern" auch nur 53 Links. Es sieht so aus, als ob man beim Pasui Explorer fuer keinen Begriff mehr als 100 Links findet.
Google ist immer noch fuer Innovationen gut. Unter der URL
http://www.google.com/lang_options.html
koennen Sie, wenn Sie Cookies im Browser aktiviert haben, eine Sprachvoreinstellung vornehmen. Google sucht dann fuer Sie automatisch und auch bei Folgebesuchen nur in Seiten, die in einer der von Ihnen bestimmten Sprache verfasst sind. So praktisch wie innovativ.
Darueberhinaus bietet Google jetzt eine umfassende Suchmaschine speziell fuer WAP- und sonstige Mobilapparaturen. Erkennt Google bei der Suchanfrage ahnand des User-Agents einen Mobilteilnehmer, werden Googles Seiten in einem fuer mobile Garaete gedachten Format ausgegeben. Und wenn Anwender sich auf die Links aus dem Google-Cache beschraenken, werden diese bei Google vorliegenden Seiten flugs umformattiert, so dass Mobile auf die gleichen Seiten Zugriff haben, wie "Statische". Google ist damit allen speziell fuer Mobilgeraete geschaffenen Suchmaschinen haushoch ueberlegen, weil durch die Format-Uebersetzung quasi die komplette Datenbank zur Verfuegung steht.
Und als Spam betrachtet Google jetzt alle Seiten, die bei der Suchmaschine angemeldet werden, wenn auf diese kein einziger Link von aussen verweist. Recht so. "Gute" Seiten werden ueber kurz oder lang entdeckt und in direkter Relation zur Qualitaet der Seite entsprechend oft verlinkt.
Stephan Karzaunikat, Betreiber der Suchfibel, erfreut sich derzeit einer unaufhoerlichen Lawine der Beschwerde-, Ulk- und Drohmails, weil er fuer den Suchmaschinen-Test durch Tomorrow [http://www.tomorrow.de/suchen/test/index.html] Kriterien erstellte, die dazu fuehrten, dass Acoon auf dem ersten und Fireball auf dem dritten Platz landete.
Nobody is perfect. Wenn Sie Herrn Karzaunikat Ihre Meinung sagen wollen, koennen Sie seine email-Adresse bei mir kaufen ;-)
Aus meinem Postkoerbchen und immer noch wichtig, weil die meisten Web-Designer das Verhaeltnis von Aufwand und Ertrag der Site des Kunden entweder nicht interessiert oder nicht kennen:
"Sehr geehrter Herr Schallhorn, ich kenne niemanden, der die Orientierung auf den Nutzer (und *dessen* Nutzen) im Internet so konsequent propagiert, wie Sie es tun. Mir gefaellt das sehr gut, da es mEn der richtige Standpunkt ist. Deswegen moechte ich Ihnen ein kuerzlich gemachte Erfahrung schildern:
Ueber Ostern baten mich zwei Netz-Neulinge, Onkel und Tante, beide promovierte Zahnaerzte Ende 50, um ein paar Erklaerungen zu Netz und Netscape. Fuer mich bot das eine hochinteressante Gelegenheit, bei - durchaus sehr intelligenten - Neu-Usern einmal "Maeuschen unter dem Tisch" zu spielen.
Ich konnte dabei ein paar Beobachtungen ueber neue Nutzer machen, die gar nicht so unspannend sind: - neue User haben natuergemaess keine Ahnung vom Internet. Jetzt bekommt das Netz aber auch Nutzer, die kaum ueber Computerkenntnis verfuegen. - dennoch werden vereinfachende Erklaerungen sofort erkannt und (als Betrugsversuche) bemaengelt: Auch wenig kenntnisreiche Menschen wollen ernstgenommen werden. - die Situation des Vorm-Bildschirm-Sitzens ist fremd, das Lesen vom Bildschirm ungewohnt. - kleine Schriften (in diesem Fall das unsaegliche www.myworld.de mit einem 9Punkt-Font) finden keinen Beifall (Vermutlich kann man davon ausgehen, dass *jeder* Nutzer sich die ihm genehmste Schriftart und Schriftgroesse frueher oder spaeter als Standard einstellt. Zwanghafte Modifikationen daran sollten sehr ueberlegt stattfinden). - volle Bildschirme schrecken ab. - unuebersichtliche Bildschirme schrecken ab. - bestimmte Navigationselemente (z.B. Pulldown-Menues) sind unbekannt und werden daher gar nicht nicht wahrgenommen. - die Verteilung von Informationen auf verschiedene Pages wird bemaengelt, weil sich die Pages nicht "nebeneinander" legen lassen. - Sitemaps als "Gesamtuebersicht" fanden daher grossen Beifall. - ueberfluessige Klicks, die offensichtlich nur einem weiteren Werbebannerabruf dienen, werden als solche erkannt und schaden dem "Image" der betreffenden Website. - der Umgang mit Frames geht nur sehr ruckelig. Dass man in einem Frame (Navigationsleiste) klickt, in einem anderen (Textfenster) sich etwas aendert, fuehrt zu Verunsicherung. Dass ein Bildschirm (-fenster) auf einmal in mehrere Bereiche zerfaellt, ist befremdlich. - Informationen werden gerne ausgedruckt, was bei Frames zusaetzliche Schwierigkeiten macht (so kam es zu Ausdrucken des aktiven Frames, nicht des "gemeinten"). - generell herrscht die Sorge, "etwas kaputt zu machen" (sowohl auf dem eigenen Rechner als auch auf dem Server :-) - Navigation muss selbsterklaerend sein. Schon Scrollbars sind keine Selbstverstaendlichkeit. Die Unterschiedlichkeit der Navigationselemente auf dem -- Bildschirm (Scrolling, aktive Frames), -- der Website (Homepage, Impressum, etc.) und -- der Session (Vor, zurueck, Anfang) wird nicht erkannt. - Lange Ladezeiten kommen natuerlich nicht gut an, aber auch jegliches "Zappeln" auf dem Schirm wird ungern gesehen und kann zum Verlassen der Site fuehren. Als 'Zappeln' wurden dabei generell animated GIFs empfunden, aber auch schon das 'normale' Scrolltempo. Der Hinweis, dass man dies mit der Maus selbst steuern und also verlangsamen koenne, wurde sehr dankbar aufgenommen. - man geht davon aus, mit dem Webbrowser ein funktionierendes "Geraet" zu besitzen und zu steuern. Aufforderungen, Plugins zu laden, fuehren zu Verwunderung und Veraergerung. Nicht zum Laden der Plugins, sondern zum Verlassen der Site. - Sobald Unklarheit aufkommt, was nach dem naechsten Klick passiert, wird die Sitzung gern abgebrochen. - In allem oben gesagten drueckt sich keine "Internet- Feindlichkeit" aus: einmal verstandene und als 'fair' (will sagen ohne Arroganz und transparent realisierte) Bestellvorgaenge werden sicherlich bei Bedarf wiederholt werden.
Wie gesagt, nur ein paar Beobachtungen, die Ihnen vielleicht nicht viel neues sagen. Mir waren sie noch einmal Bestaetigung, dass die Ideen etlicher Webdesigner vielleicht huebsch sind, aber nicht praxistauglich. Und ferner, dass man sich im WWW auf zwei Standards verlassen kann, naemlich HTML und HTTP. Alles weitere ist - mal mehr, mal weniger sinnvolle - Dreingabe."
Ich muss mich bei Herrn Ude bedanken. Besser haette ich es nicht sagen koennen. Hinzukommt die bestuerzende Beobachtung, dass Anwender, die zu einer weniger gebildeten Zielgruppe als die hier erlebten "Testpersonen" gehoeren, eine invers zum Bildungsstand proportionale Unfehlbarkeit besitzen - ganz gleich, ob es sich um Anwender oder Gestalter handelt.
Wer im Informationszeitalter nicht bereit ist, Information zu verarbeiten, zaehlt einfach nicht dazu. Information ueber die Interessen und das Verhalten der Anwender ist auf dem Internet besonders gut dokumentiert. Wer sich nicht daran orientiert, darf sich ueber das Ausbleiben der Besucher nicht wundern.
© Copyright 1998 - 2008 Klaus Schallhorn.