Dot.Com-Pleiten, Suchmaschinen: Blick in die Zukunft.

Bauernnetz

Auch wenn ich nicht jede Stellungnahme auf meinen letzten Newsletter beantworten konnte, hat mich die Einstimmigkeit und die Vielzahl der Aussagen ueberrascht. Und mehr als einmal zum Schmunzeln verleitet.

Obwohl ich somit davon ausgehen kann, dass die meisten Leser meiner Meinung sind, ist es irritierend, wie oft man abweichende Verhaltensweisen beobachten kann, wenn man auf dem Web sucht. Ein paar Dinge sind anscheinend nicht auszurotten:

O Erstellung von Seiten mit Suchbegriffen, die zwar populaer sind, die aber _nichts_ mit dem eigentlichen Anliegen der Site gemein haben.

O Endlose Wiederholung von Suchbegriffen in <TITLE>, Meta Tags und moeglicherweise der Hintergrundfarbe einer Seite in der [immer truegerischen] Annahme, dass man dadurch eine bessere Position erreicht.

O Redirects und Meta-Refresh auf eine neue URL, nachdem eine speziell fuer die Suchmaschinen angefertigte Seite dort angemeldet wurde, man dem Besucher aber eine andere bieten will.

O Eine hohe Zahl von Seiten mit identischen Inhalten, die sich nur durch unterschiedliche Haeufigkeit der wichtigsten Keywords unterscheiden und die nur und ausschliesslich in der Absicht erstellt werden, eine [oder mehrere] dieser Seiten auf einen der besseren Plaetze zu bringen.

Warum solche Bauernfaengertricks zum Eigentor werden?

Der erste Punkt _sollte_ offensichtlich sein. Wer potentielle Kunden durch Irrefuehrung zu "fangen" versucht, vergibt jede noch so geringe Chance schon bei der Begruessung. Mehr als einen ausgestreckten Mittelfinger werden Betreiber solcher Sites nie zu sehen bekommen.

Unzaehlige Wiederholungen von Suchbegriffen, die bei aelteren oder einfaeltigeren Suchmaschinen vielleicht noch zu einer auf den ersten Blick attraktiven Position fuehren, wirken wie eine Mauer. Wer nach Hosentraegern sucht und auf einer Seite landet, die den Begriff so oft wiederholt, dass kaum Platz fuer andere Worte bleibt, fuehlt sich ebenfalls um seine Zeit betrogen. Dass Hosentraeger gesucht werden, ist dem Anwender bekannt - er braucht keine Bestaetigung dafuer, sondern Information, Angebote oder Preise.

Der dritte Selbstschuss, der eine Jugend in der Kanalisation nahelegt, funktioniert ebenfalls nur bei den einfacheren Suchmaschinen. Ein typisches Beispiel finden Sie, wenn Sie JavaScript AUSschalten, unter der folgenden URL:

http://www.mortgage-loans.co.uk/BootsKoreanGinseng_blx_se.html

Wenn Sie JS deaktiviert lassen, und dem Link folgen, landen Sie auf einer Seite, die aehnlich ansprechend gestaltet ist, die wiederum einen Link bietet, der auf ein regelrechtes Kunstwerk fuehrt.

Anwender, die wissen, dass JavaScript und LatrinenTricks synonym sind und daher darauf verzichten, sehen naemlich eine Repraesentation des Intellekts des Anbieters - verkoerpert durch eine leere Seite.

Wer recherchiert, und die erste URL auf das Stammverzeichnis reduziert, sieht unter

http://www.mortgage-loans.co.uk/

dass man dort auch pornografisches bereithaelt - der Web Server liefert praktischerweise ein Verzeichnis der Spam-Seiten. Alle 6Kb grossen Dateien sind Ware aus der Gosse und zeigen, dass man eine grosse Zahl von Domainnamen zum Dummenfang einsetzt. Alle 1 Kb grossen Seiten sind einfaches Anfaenger-Redirect.

Suchmaschinen, die ein Interesse an der Sauberhaltung ihrer Inhalte haben, wissen sich zu wehren. Man sperrt einfach die Class C-Netze, d.h. 64.245.116.* und damit alle Web Sites unter den IP-Nummern 64.245.116.01 bis 64.245.116.255, und, um nicht halbe Sache zu machen, auch noch das Netz, unter dem der Provider, der diesen Unfug betreibt oder duldet, die eigentliche Zielseite callnet0800.com unterhaelt [212.67.128.*].

Was, wenn dadurch Unschuldige betroffen sind, werden Sie fragen. "Mitgegangen, mitgehangen" wird die Suchmaschine sagen. Denn an alternativen und sicherlich besseren Inhalten mangelt es heute nicht. Und wer mit den Bevoelkerungstatistiken vertraut ist, weiss, dass wir es uns leisten koennen, schonmal ein Kind mit dem Badewasser auszuschuetten.

Auch der letzte Trick, die Produktion von zahlreichen nahezu identischen Seiten, zeigt dem Besucher nur, dass Sie's noetig haben und Ihnen jedes Mittel recht ist. Auf Anhieb finden Sie hierfuer ein Beispiel, wenn Sie wiedermal

http://www.abacho.com/

bemuehen, wo man jetzt pornografische Inhalte unter dem Suchbegriff "Suchmaschinen" entfernt und durch viele inhaltlich identische Seiten ersetzt hat. Alle Seiten, die im Titel den Text "Positionierung und Anmeldung in Suchmaschinen. profes..." aufweisen, fuehren auf Umwegen zum eigentlichen Betreiber.

Sagen Sie nicht, ich waere voreingenommen. Wer bei Excite.de nach Suchmaschinen sucht, findet auch hier ein Paradebeispiel [ab der zweiten Ergebnisseite]. Wer sich die Seiten, die Excite da ausgibt, ansieht, versteht, warum viele Suchmaschinen nie ernstgenommen werden koennen - schliesslich kann sich jede Suchmaschine gegen diese und viele anderen Tricks, die dem Suchenden das Gesuchte vorenthalten, wehren.

Ist die Dot.Com-Welle vorbei?

Waehrend schon Merlin, politischer Berater am Hofe King Arthurs, erkannte, dass der Mensch leichtglaeubig ist und uebertoelpelt werden will, darf man nicht verallgemeinern. Inzwischen ist naemlich erkennbar, dass das "Dumbing Down", die Reduzierung der Intelligenz von Anbietern und Anwendern zumindest auf dem Web Grenzen zu finden scheint.

Flat Rate-Angebote werden seltener. Nicht etwa, weil die Nachfrage fehlt, sondern weil das Angebot anerkannten Normen der Gewinn- und Verlust-Rechnung widerspricht.

Die Zahl der Internet-Pleiten steigt weltweit. Und nicht etwa wahllos, sondern ueberwiegend solcher Unternehmen, die meinten oder behaupteten, durch abenteuerliche Preisberechnungen fuer mehr oder weniger erstrebenswerte Produkte rapide Umsaetze und damit anscheinend auch Gewinne erwirtschaften zu koennen. An der Spitze liegen hier Verbraucher-orientierte Angebote. Verbraucher verbrauchen zwar Bandbreite und Speicherplatz, halten sich aber zurueck, wenn es ans Eingemachte geht. Demografische Traditionen sind so eingefahren, wie das Klassensystem. Gewinner nationaler Lotterien zaehlen zu den wenigen Ausnahmen.

Wer nicht Konkurs macht, hat Personal-Stop. Selbst in den USA, wo die abenteuerlichsten Ideen zuerst "populaer" wurden, sind Internet-Jobs Mangelware. Gefragt sind nach wie vor technische Faehigkeiten. Berufe, die man unter "Clowns" zusammenfasst, haben, solange es an einem Finanzierungsmodell mangelt, keine Konjunktur.

Selbst Venture-Geldgeber halten sich zurueck. Schliesslich hat es sich selbst dort herumgesprochen, dass nicht alles glaenzt, was in Kuechenfolie verpackt ist.

Was bleibt, ist bestaendig. Nicht etwa aufgrund einer Anordnung von oben, sondern weil die Betreiber solcher Sites wissen und akzeptieren, dass auf dem Web im Gegensatz zu traditionellen Medien die Polaritaet zwischen Anbieter und Abnehmer invertiert wurde:

Unaufgeforderte wie auch unqualifizierte Information - in jeder Erscheinugsweise, ob es sich um PR, Bannerwerbung oder email handelt - ist unerwuenscht. Site-Verantwortliche, die diesen Grundsatz nicht verstehen [wollen], haben keine Zukunft. Wobei es unerheblich ist, ob die Site kommerzielle Ziele verfolgt, dem Hobby dient, oder eine Suchmaschine betreibt.

Suchmaschinen: ein Blick in die Zukunft

Wie erfolgreich AltaVista heute ist, sehen Sie daran, dass man in den letzten Wochen ein Viertel des Personals vor die Tuer setzte. Das Hauptproblem bei AV ist nach wie vor die nur auf den ersten Blick attraktive Orientierung an den kurzfristigen Beduerfnissen der Boerse. Diese kurzfristigen Ziele stehen in krassem Widerspruch zu langfristigen Zielen. Die sich einfach realisieren lassen, wenn man die Interessen der eigentlichen Anwender beruecksichtigt.

PR voller Pseudo-Inhalte und Versprechungen zukuenftiger Leistungen moegen zwar den Aktienkurs steuern, nicht aber das Verhalten derer, die letztendlich Nutzung und damit Einkommen verursachen.

AltaVista's Suchergebnisse sind trotz aller Behauptungen bestenfalls gleichgeblieben. Bestenfalls. Aenderungen an den Algorithmen fuehren heute oft dazu, dass bei mehrwortigen Anfragen dem Wort mit der seltendsten Haeufigkeit in der Datenbank die hoechste Gewichtung bemessen wird - meistens zu Ergebnissen fuehrend, die nicht erwartet wurden.

www.Go.com [frueher Infoseek.com] praesentiert sich in neuer Garderobe. Wer auf Grafik und Farbenpracht keinen Wert legt, erhaelt die gleichen Ergebnisse unter search.go.com/

Attraktiv, wenn Sie Ihre Seiten optimieren wollen: seit der Umstellung liefert Ihnen Go.com jetzt wieder das Ergebnis der Relevanzermittlung.

Hilfestellung gibt es auch fuer intellektuell Verzettelte: wer nach haeufigen Einwort-Begriffen wie cars sucht, erhaelt bei www.go.com [nicht aber search.go.com] zuerst die Moeglichkeit, seine Suche zu praezisieren.

Ein zusaetzliches Fenster erhaelt, wer bei Excite.de oder bei Infoseek.de sucht und JavaScript aktiviert hat, wie mir Herr Werner mitteilte. Und in der Tat, die "Professionalitaet", die bei der Spam-Vermeidung, beim Ranking und der Gestaltung der HTML-Ausgabe [100+ Fehler] an den Tag gelegt wird, findet auch bei Anbiederungsversuchen Einsatz.

Ist das das Beste, was Information Retrieval heute bietet?

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